Handwerklich gebrautes Bier – also Craft Beer – rückt unaufhaltsam in den Fokus der Öffentlichkeit. Steigendes Ansehen genießen zwischenzeitlich in Vergessenheit geratene Biersorten, die nach traditioneller Manier hergestellt werden.

Ganz vorne mit dabei ist India Pale Ale, dessen Ursprung im 19. Jahrhundert liegt, als in England und Schottland Biere mit dem Anspruch hergestellt wurden, den langen Seeweg hin zu den Soldaten in den indischen Kronkolonien zu überstehen. Mangels Kühlmöglichkeit an Bord wäre das traditionelle britische Ale bis zur Ankunft verdorben gewesen – Abhilfe schaffte ein erhöhter Alkohol- und Hopfengehalt, der das beliebte Getränk besonders robust gegenüber äußeren Einflüssen machte. Der Faktor Haltbarkeit kann es aber nicht sein, der India Pale Ale heutzutage wieder so populär macht … Vielmehr ist es die Art und Weise, in der sich die Braumeister mit den Bieren und ihrer Herstellung auseinandersetzen – bewusst und traditionell handwerklich.

Neue Brau- und Selbstmach-Kultur

Leidenschaft, Kreativität, Genuss und Aromenvielfalt – das sind die Schlagworte, die im Zusammenhang mit der „neuen Braukultur“ immer wieder fallen. Da wird in kleinen Braukellern im Sherryfass gelagert und in aufwendigen Prozessen auf vollmundige Zitrusaromen oder malzige Schokoladennoten hingearbeitet. Dabei gilt „je kleiner, desto feiner“ – denn kleinen, unabhängigen Brauereien traut man noch zu, mit besonders viel Leidenschaft ans Werk zu gehen und einfach mal auszuprobieren, ohne dabei jederzeit das Ziel zu verfolgen, einen möglichst großen Markt zu bedienen. All das kommt dem gesteigerten Verbraucherbedürfnis nach emotionaleren und ehrlichen Produkten sowie einer transparenten Wertschöpfungskette nach.

Wer sich ganz sicher sein will, der macht es eben selbst. Der Do-it-yourself-Boom schlägt hohe Wellen: Während die einen schon mit Urban-Gardening-Projekten oder einer Beteiligung an solidarischen Landwirtschaften ausgelastet sind und aus den Früchten ihrer Arbeit auch gleich noch ihren eigenen Apple Cider herstellen, versuchen sich die anderen voller Neugierde und Schaffensdrang an einem der vielen Hobby-Brausets – und verkosten nach rund einer Woche ihr erstes selbst gebrautes Pils. Verschiedene Hopfensorten und eine Vielzahl von Aromen stehen zur Auswahl, um dem Getränk eine ordentliche Portion Individualität zu verleihen.

Die Bierkarte, bitte!

Doch bedeuten diese Entwicklungen das Ende der lang gehegten Riten unserer Biertrinkernation? Wird es sie bald nicht mehr geben: das gemeine Feierabendbier, das Sixpack, den 20er-Kasten oder das 5-Liter-Partyfässchen? Ein klares „Nein“ – Craft Beer soll etwas Exklusives bleiben: für besondere Anlässe, zum Verschenken oder Selbstgenießen, zum Analysieren und darüber Sinnieren – wie ein guter Wein. Und unter dieser Prämisse findet es auch vermehrt Einzug in die Gastronomie – immer häufiger wird ihnen bereits eine eigene Getränkekarte gewidmet. Vielleicht heißt es dann bald: „Herr Ober, die Craft-Beer-Karte bitte!“ 

Luxusgut oder Lebensmittel?

Interessant ist, wer sich rarmacht. Das haben auch die Macher hinter den modernen Craft-Beer-Kreationen erkannt und verstehen sich darin, auf diese Weise die Nachfrage zu steuern. Hier ist die Rede von Bier als Luxusgut. Teilweise etablieren sich Meisterbiere in opulenten Champagnerflaschen zu streng limitierten Sammlerstücken, die in speziellen Craft-Beer-Auktionen gehandelt werden – ein nicht zu verachtender Marketingansatz.

Doch auch große Konzerne „brauen mit“ – und vertreiben an den Trend angelehnte Bierspezialitäten: Auch hier kommen India Pale Ale oder Witbier nach belgischer Brauart auf den Markt. In hochwertiger Verpackung – nicht im Bierkasten, sondern in einem stabilen, edel gestalteten 4er- oder 6er-Tray. Diese landen dann aber nicht auf Auktionen, sondern in Super- und Getränkemärkten – gerne auch in Aktionsdisplays und „Craft-Beer-Regalen“.

Hier haben die Konzerne den „goldenen Mittelweg“ gefunden: die Adaption eines Trends, dem sie aufgrund ihrer Unternehmensstrukturen weder gänzlich nachkommen können noch wollen. Und so finden diese Biere eher als den Alltag bereichernde Lifestyle-Getränke den Einzug in Deutschlands Haushalte als im Sinne von Gourmet-Produkten. Dazu trägt auch die Preisstruktur einen immensen Anteil bei: Ist so ein aufgewertetes Sixpack bereits für unter 5 Euro im Handel erhältlich, legt man für eine Dreiviertelliterflasche Craft Beer gerne mal 15 Euro hin – nach oben hin natürlich offen.